Saskia ist professionelle Balletttänzerin, Tanzdozentin und hat soeben das erste Ballett-Retreat in Deutschland eröffnet. Dort erforscht sie mit ihren Teilnehmer:innen Tanz als verkörperte Achtsamkeit – und Technik im Dialog mit dem Körper, nicht im Widerspruch zu ihm.
Ebenso ist Saskia Coachin für Frauen. Genauer: Systemischer Coach. Wenn man andere dazu bringen kann, sich grazil durchs Ballettstudio – und vielleicht sogar auch grazil durchs Leben im Allgemeinen zu bewegen – kennt man dann überhaupt selber das Gefühl von Krise? Und wenn ja, was ist dann zu tun? Das wird uns Saskia heute im tanzmuster Interview genau erklären…
tanzmuster: „Systemisches Coaching“ kenne ich noch nicht. Was ist das?
Saskia:
Systemisches Coaching ist wie das Entwirren eines komplexen Netzwerks von Fäden, das das Leben einer Person durchzieht. Es betrachtet nicht nur eine Person isoliert, sondern untersucht auch die vielschichtigen Beziehungen und Interaktionen, die sie umgeben. Statt nach isolierten Problemen zu suchen, erkundet systemisches Coaching die Dynamik und Muster innerhalb des gesamten Systems, sei es die Familie, das Team am Arbeitsplatz oder die soziale Umgebung. Es geht darum, Verbindungen und Wechselwirkungen zu verstehen und darauf aufbauend Lösungen zu entwickeln, die nicht nur für die Einzelperson, sondern für das gesamte System organisch zusammenfließen, nachhaltig und von Nutzen sind.
tanzmuster: Okay, jetzt wird’s klarer. Was ist systemisches Coaching nicht?
Saskia:
Es ist keine Beratung und auch keine Therapie. In einem seriösen systemischen Coaching werden weder Versprechen noch Ratschläge gegeben.
tanzmuster: Da du ja alle Lebensbereiche als organisch zusammenfließend beschreibst… wie spielt dein Tanz-Background für dich eine Rolle beim Coaching? Tut er das überhaupt?
Saskia:
Mein Hintergrund im Ballett prägt ganz klar die Arbeit mit meinen Klientinnen. Weniger, weil wir zusammen tanzen, sondern vielmehr durch die Tatsache, dass der Körper stets präsent ist und uns unentwegt Feedback gibt, ganz gleich, was wir tun. Da fließt meine jahrelange Erfahrung im Beobachten und Begleiten von Menschen und ihren Bewegungen natürlich ein. Sensibilität für körperliche Signale ermöglicht es mir, bereits zu Beginn einer Coaching-Sitzung viel wahrzunehmen.
tanzmuster: Ja, das macht Sinn. Wie kam es, dass du nach so vielen Jahren klassischem Tanz nun auch im Coachingbereich arbeitest?
Saskia:
Ich habe es immer schon so empfunden, dass Tanzen eben nicht nur der Körper ist, sondern auch das Mindset. Ich habe lange in Tanzausbildungen mit beidem gearbeitet. Da konnte ich oft beobachten, wie durch eine Barriere im Kopf auch der Körper nicht mehr funktioniert hat. Da wollten sich keine runden Bewegungen mehr einstellen, wenn es im Kopf keine fließenden Prozesse gab. Ich fand das total schlüssig. Ich wollte individuelle Lösungen finden und zwar gemeinsam mit den jeweiligen Personen. So kam ich zum systemischen Coaching.
Wie im Tanz auch, sucht man hier nach individuellen Lösungen: ob nun für den Körper oder für eine Lebenseinstellung, für die ersten Schritte in einem Veränderungsprozess oder das bessere Verständnis bestimmter Bewegungsabfolgen oder Handlungsmöglichkeiten… es gibt überall diese Parallelen und das finde ich irre spannend!
tanzmuster: Absolut. Ich meine, Körperstellung und Körperhaltung, Verkürzungen und so weiter… Wir kommen ja immer mit unserem ganz eigenen Paket rein, das sich über so viele Jahre aufgebaut hat, seelisch und körperlich. Das bringt mich zur nächsten Frage: Auf deiner Seite schreibst du, Frauen sagen selten „Ich will“ und fühlen eher so ein „Ich sollte…“. Was glaubst du, woher kommt das? Mit welchem Paket kommen besonders Frauen rein?
Saskia:
Ich habe mich das auch oftmals gefragt. Ich glaube, wir Frauen sind einfach wahnsinnig gut darin, ziemlich vieles zu machen. Und ich glaube, wir können ganz viele Baustellen gleichzeitig haben und bedienen. Wenn dann noch Kinder dazukommen, dann ist das ja noch mal on top. Das heißt, da tut sich ja eine Welt auf, was eigene Ansprüche betrifft… was die eigene Erfahrung, die eigene Kindheit betrifft usw.
Aber selbst wenn man die Familie oder das Leben mit Kindern mal in Klammern setzt: Wir können so vieles gleichzeitig! Wir leben in einer Welt, in der zudem noch das nach außen getragene, perfekte eigene Selbst überall zu sehen ist.
Da besteht großes Potenzial, einfach mal wegzurutschen… in ein Vergleichen, in Unzufriedenheit… ins Hamsterrad. Mehr und mehr leisten, statt innezuhalten und zu sich zu kommen.
tanzmuster: Ist das auch der Grund, warum du dich entschieden hast, mit Frauen zu arbeiten?
Saskia:
Ja! Und weil ich über die Jahre eine Veränderung wahrgenommen habe: Frauen werden lauter, wenn sie äußern, was sie bewegt. Sie werden ehrlicher zu sich und anderen. Mir selbst tut das wahnsinnig gut und ich möchte gern meinen Beitrag leisten – eben eine Art Komplizinnenschaft.
tanzmuster: Interessant, dass du über die Jahre eine Veränderung im Zusammenhalt unter Frauen beobachtest. Welche Gedanken hast du dazu? Was hat sich da verändert?
Saskia:
Frauen haben mehr Mut, auch Schwächen zu zeigen. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung. Wir müssen nicht mehr das perfekte, wohlgeformte Barbie-Model sein, sondern wir können auch Mut zum Scheitern haben. Wir können sagen: „Es klappt gerade nicht!“ Es ist jetzt viel mehr akzeptiert, auch mal zu sagen: „Leute, ich bin einfach total müde und durch mit der Welt!!!“ Frauen können bedingungslos ehrlich zueinander sein – und das schafft so eine fantastische Verbundenheit.
tanzmuster: Hier sehe ich auch wieder eine Verbindung von Alltags– und Lebensthemen und dem Tanz… diese Frustration, nicht weiterzukommen und die Kunst, zu akzeptieren, was man auch gerade nicht hinbekommt?
Saskia:
Das stimmt absolut. Hier fließt auch das Thema des Vergleichens wieder sehr mit ein. Also wenn Leute zu mir in den Tanzunterricht kommen… und dann vor oder hinter jemandem stehen… und diese Person hebt das Bein zwei Zentimeter höher als man selbst… zack – schon ist der Vergleich da! Leute schauen ja auch viel zu selten zurück und gucken, was sie bereits gelernt haben. Sie sehen meistens nur vor sich, was sie alles noch nicht können, und das türmt sich dann auf. Ich versuche bei meinen Schüler:innen möglichst schnell diese Anflüge von destruktivem Ehrgeiz aufzulösen.
Tanz und Coaching können beide sehr konfrontativ sein. Man lernt sich gut kennen – auch das, was man nicht so gut kann. Im besten Falle machst du das auf eine liebevolle Weise.
Gerade beim Ballett gibt es ja diesen Perfektionsgedanken, der natürlich völlig absurd ist… Gerade am Anfang noch… Das ist ja wirklich auch die Frage: Wann wäre man denn dann fertig? Es gibt immer noch irgendetwas zu verbessern und zu korrigieren. Da muss man einfach irgendwann innehalten und sagen: „Halt, stopp! Bis hierhin habe ich schon ganz schön viel geschafft.“
Ich beglückwünsche immer Leute, die zum ersten Mal da sind oder schon lange nicht mehr getanzt haben. Das Erste, was die Leute machen – und das sind auch wieder die Frauen – sie entschuldigen sich! Dafür, dass sie da sind. Ganz häufig sagen sie Dinge wie: „Es tut mir leid, ich bin ja nicht mehr so jung.“ Oder: „Es tut mir leid, ich bin ja noch nicht so fit oder gar nicht flexibel!“ Ganz viele Entschuldigungen. Ich denke mir nur: „Wie schön, dass du da bist und herzlichen Glückwunsch, dass du dich getraut hast. Ich glaube, das ist nicht einfach!“
tanzmuster: Magst du mal so beschreiben, wie so eine erste Stunde systemisches Coaching bei dir aussehen könnte?
Saskia:
Ich beginne immer mit der Frage, worum es geht und was sich ändern soll. Dann erzählen mir die Klientinnen manchmal eine ganz konkrete Sache oder es gibt einen Blumenstrauß an Themen. Das heißt, es ist meine Aufgabe, herauszufiltern, worum es geht. Das entscheide dann nicht ich, sondern wir machen uns gemeinsam auf die Suche. Da könnte dann zum Beispiel herauskommen, dass es eigentlich nicht nur um ein, sondern um drei große Schwerpunkte geht. Dann arbeiten wir nach dem Ausschlussverfahren. Inwiefern wirkt sich ein Thema jetzt auf alle anderen aus… und wo ist die Hebelwirkung am allergrößten? Womit fangen wir an? Oft sehen Klientinnen den berühmten Wald vor lauter Bäumen nicht. Sowas kennt man ja auch von sich selbst. Da hilft es zu priorisieren.
tanzmuster: Wo hast du deine Coaching-Methoden erlernt?
Saskia:
In der Coaching Akademie in Berlin. Ich habe mich lange umgeschaut und dort hat es mir am besten gefallen. Wir haben an der Akademie eine ganz große Bandbreite an Methoden und Spezialisierungen in die Hand gelegt bekommen. Das war für mich eine unfassbar bereichernde Zeit mit einer richtig guten Gruppe.
tanzmuster: Nun kommen wir zur großen Frage… Du hast ja mittlerweile einen sehr starken Methodenkoffer parat. Hast du selber überhaupt noch so richtige Krisenmomente oder eher alles immer top unter Kontrolle?
Saskia:
Also das klingt jetzt so, als hätte ich es immer total im Griff. Das ist überhaupt nicht so! Manchmal läuft einfach alles aus dem Ruder!! (lacht). Wenn es um mich geht, dann sitze ich wirklich oft genau so da, wie meine Klientinnen vor mir sitzen, und es ist alles nur viel zu viel. Dann tu ich mir sehr leid oder ich versuche, Dinge weg oder vor mir herzuschieben. Der Unterschied ist, dass ich mich inzwischen selber dabei ertappe. Ich denke: „Halt, stopp, du bist hier gerade in so einer Schleife drin“… Ich hab auf jeden Fall ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was da gerade in meinem Kopf passiert. Entweder hilft es mir dann, um Hilfe zu bitten… einfach eine Freundin anzurufen und klar sagen zu können: „Ich brauche jetzt mal eben Unterstützung, kannst du grad zuhören?“… und dann hilft es mir auch, wenn ich mir eingestehe, dass ich gerade durch bin und eine Pause brauche! Meckern macht sowieso nie glücklich. Also dann guck ich: „Wo kann ich was ändern? Worauf habe ich eine Auswirkung?“
tanzmuster: …Rauszoomen und die Dinge von weiter weg betrachten.
Saskia:
Das trifft’s auf den Punkt. Rauszoomen und ein bisschen dissoziieren ist das A und O, ja.
tanzmuster: Wann weißt du, dass ein Coaching erfolgreich war?
Saskia:
Das weiß ich, wenn es die Klientin weiß! Der Körper verändert sich auch, wenn es gut läuft. Ich hatte letztens einen Schlüsselmoment. Ich wollte mit einer Klientin herausfinden, worum es ihr ganz genau geht. Das war alles sehr diffus, alles sehr schwammig umschrieben… „Ich möchte gerne, aber vielleicht…“ – da kam kein konkreter Satz! Damit konnten wir nicht arbeiten, also haben wir etwa 30 Minuten nach dem Satz gesucht. Sie hat immer wieder umformuliert… Das ist eben auch Teil des Prozesses: Finde heraus, was du willst! Als sie die für sie stimmige Formulierung dann gefunden hatte, saß da eine andere Person vor mir… kerzengerade, mit breit ausgestreckten Armen und funkelnden Augen. Wow!! Das war es also! Was ein Coaching erfolgreich macht, lässt sich ganz schlecht formulieren, aber es ist plötzlich klar… man weiß es dann einfach.
tanzmuster: Wie lang dauert so ein Coaching in der Regel bis zum Erfolg?
Saskia:
Bis zu sechs Sessions. Das ist nicht wie bei einer Verhaltenstherapie zum Beispiel, wo man über Monate Sitzungen hat und permanent begleitet wird. Etwa drei Coachings bieten eine gewisse Nachhaltigkeit, wenn es um ein bestimmtes Thema geht. Manchmal tauchen unterwegs noch weitere Themen auf. Für mich ist das Coaching erfolgreich, wenn ich schon bald nicht mehr gebraucht werde.
tanzmuster: Was wünschst du dir für deine ganz persönliche Zukunft… und was wünschst du dir für die Frauen in der Welt?
Saskia:
Mut. Ich möchte weiterhin mutig sein und etwas wagen. Neues ausprobieren und wachsen. Aber das sind keine Wünsche. Wünsche sind passiv. Darauf habe ich ja Einfluss. Ich wünsche mir also von meinen Freundinnen, dass sie mir etwas zutrauen. Das wünsche ich allen Frauen: gute FreundInnen.
tanzmuster: Das wünsche ich dir und deinem Umfeld sehr!
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Systemisches Coaching | Ballett-Retreat: www.saskiaklepsch.com
Ballettunterricht: Dock11 Berlin, Seneca Intensiv und auf Anfrage